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/ TRaNSVeRSAL TALKs, ImPULSE & InSpIRaTION

Monika Rinck / PostPoetry: Warten auf die Ablösung

PostPoetry: Warten auf die Ablösung

Das Präfix Post-X steht für die Auflösung des Nacheinanders in eine quasi flächige tendenziell unübersichtliche Gleichzeitigkeit von Vielem. Es meint nicht, dass ein Phänomen zu seinem Ende gekommen ist und nun endlich abgelöst würde durch etwas Neues, das darauf folgt. Sowohl die Errungenschaften wie die Krisen der Moderne wirken in der Post-Moderne fort. Das Ende der Geschichte ist nicht eingetreten. Sondern der Fortgang der Geschichte als beendete, vom Ende bedrohte, durch ihr vorstellbar gewordenes Ende befreite oder belastete Geschichte ist eingetreten. Versuche der Entledigung durch das Voranfügen des Vorsilbe „Post“-X führen zu Vermehrungen, Aufsplitterungen, Abspaltungen, Variationen, Versionierungen – oder zu gar nichts. Sie vermögen allerdings das Bewusstsein für ein kritisch umgebautes Fortwirken zu wecken, die Perspektive auf einen möglichen Paradigmenwechsel hin auszuleuchten (hinaus zu leuchten).

Wie unterscheiden wir solche Post-X-Phänomene von schwindenden oder schwächelnden oder auch schrill monomanen Spätformen? Behauptete Nachträglichkeit dient schon jetzt herablassenden Vorführungen, sie dient der Abwehr oder sie kann einfach nur fashionable, oder sogar korrekt (überfällig!!) sein. Zu sagen: Wir machen das nicht mehr. Hier macht das überhaupt keiner mehr. Das ist nicht mehr tragbar. Seit langem nicht. Rekombination. Austausch der Träger. Austausch der tragenden Teile. Neuarrangement.

PostPoetry: Immer deutlicher wird heutzutage die Anrufung. Die ideologische Anrufung, wie sie Althusser in seinem kanonischen Text über die Ideologischen Staatsapparate beschrieben hat, erneuert ihre Macht und dehnt sie aus, lässt kaum noch eine depersonalisierte Lücke.[1] Das begann etwa in den 2000er Jahren. Aber vielfältiger wurden inzwischen auch die ausdeutenden, umdeutenden Reaktionen auf den Versuch der sprachlichen Stillstellung von richtig fiesen fiktionalen Identitäten.[2] Wenn ich mich dieser Art des performativen Entscheidungsterrors aussetze, bin scheinbar ich es selbst, die einen sehr anstrengenden Naturalismus zweiter Ordnung erzeugt. Die Frage lautet: Wohin kann ich fliehen? Darauf muss die Sprache nicht nur ästhetisch, sondern auch sozialwissenschaftlich reagieren. Oder, Ästhetik ist in dieser Hinsicht als Sozialwissenschaft zu verstehen. Will sagen: Die Aufgaben und Möglichkeiten der Sprache sind gewachsen – und zwar an jeder Front, auch an der Gegenfront. Daher müssen die Möglichkeiten der poetischen Sprache, die Möglichkeiten der dichten Deutung ausgebaut und ihrerseits in jeder Hinsicht beworben werden.

Das Gedicht befindet sich sowohl jenseits der Außengrenzen des Identitätsgeschehen, als auch zuinnerst darin. Es muss all das besonders gut machen, oder alternativ: besonders schlecht. Beides wäre Protest und Korrektur. Wenn es keine Entmischung wäre (die ich aus begreiflichen, wie auch aus begrifflichen Gründen ablehne), könnte man im Sinne einer bestens herausfordernden Überbietungslogik behaupten: Eigentlich darf man ab jetzt nur noch poetisch sprechen. Poetisch sprechen mit metaphorischen Kollisionen ungleicher Teile, analytisch, musikalisch, singend, interventionistisch, mit unklarer Schärfe, scharfer Klarheit, sanfter Klinge, klingelnder Sanftmut, nicht zu erwartenden Sprüngen, hier zu knapp, dort wiederum viel zu ausführlich, mit Auslassungen und irreführenden Details, in frivolen Reimen, mit viel zu langen Pausen, in steilen Bildern, dichten Begriffen, in Katarakten, mit hastig wie klappernden Schlüssen, im diffusen Singsang, besiedelt mit willkürlichen, arbiträren Objekten, undurchdringlich wie Kautschuk, zäh wie Knirschschienen, mit Tieren, mit Noten, mit Noise, apodiktisch, apophatisch, begrifflich und schaumig, aufgeschäumt, verklausuliert, dann wieder von einschneidender Offensichtlichkeit. Und so weiter und so fort. Es wird hier kein einfaches Wort mehr gesprochen. Es wird ab heute nur noch sehr ernst gespielt. Da dies alte Vorurteile bedient, die gegenüber der poetischen Sprache ohnehin bestehen, muss ich mich den Bedingungen des Begrifflichen (und in gleichem Maße auch: des formlosen) Denkens stellen.

„Was wir nicht denken können, das können wir nicht denken, wir können also auch nicht sagen, was wir nicht denken können“, heißt es bei Wittgenstein. Es folgen acht vorläufige Versionen des Gedichtes BERG und eine gültige Neunte. Dies ist ein Gedicht, das ich für PostPoetry halte, denn nach nahezu verzweifelten Überarbeitungsgängen sprang es in den Metatext der Selbstbeschreibung, deckte Autorintention und Instrumentarium auf. Diese Finte bringt allerdings nur PostPoetry der erwartbaren und nicht allerbesten Art zustande.

 

EINS BIS NEUN: DER BERG

 

EINS: DER BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Was soll ich denken? Nichts.

Du sollst nicht denken. Du kommst nicht durch. Es steht ein Berg davor.

Der Berg besteht aus vielen Bergen, einige davon sind aus Schmodder,

andere aus Altmetall, dann wieder andere aus Dreiklang und Melodei.

Du kommst nicht durch. Sie wachsen dir, Perückenbock, über die Stirn,

über die Augen. Sie haben Verbindung. Du musst jetzt nichts denken.

Aber muss ich nicht denken, dass ich mich heute soll, weil ich mich

morgen kann? Hä? Es herrscht hier Unklarheit bezüglich der Verben.

Und es kann keiner sagen, ob diejenigen, die die Verben zurückhalten,

wissen, welche es sind. Ob sie die Sprache können, in der sie sind.

Oder ob sie die Verben hernehmen, anstarren, sich einprägen als Bild.

Jetzt freu dich, du sollst und musst jetzt nichts denken. Aber stell dir vor:

Was ich nicht denke, ist abertausendmal schlimmer als alles Gedachte.

Es kommt immer zurück. Wie ein Berg. zurückkehrt, den ich mit Sieben,

mit Schaufeln, Baggern und Zangen, mit Haydn-Sinfonien abgetragen hab.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und flach sein. Und kommt zurück.

 

ZWEI: BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Was soll ich denken? Ich muss

doch denken, dass.. Du sollst nichts denken. Muss ich nicht denken, dass –

jetzt das, weil später was andres, Dialektik? Es herrscht Unklarheit

bezüglich der Verben, man weiß aber nicht, ob die, die sie zurückhalten,

wissen, welche es sind. Ob sie die Sprache können, in der sie sind.

Ob sie sie lesen oder sich merken, wie ein irres Bild. Man freue sich,

denn man soll jetzt nichts denken. Aber man stelle sich vor: Was nicht

gedacht wird, ist tausendmal, zehntausendmal schlimmer als der Gedanke.

Furchtbar die Anstrengung, die alles hört, bevor sie es spricht. Was soll

ich denken? Die Anstrengung hat ihr eigenes Haus. Sie hat einen Berg.

Die Anstrengung trägt diesen Berg ab. Das ist ihr Grund. Sie trägt ihn ab.

Sie arbeitet an ihrem Verlöschen. Bald wird alles eben und flach sein.

Wirst du dann frei sein? Oder allein? In der größtmöglichen Unfreiheit

deiner eigenen Einsamkeit? Was wirst du denken, was wirst du sollen?

 

DREI: BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Ein Denken findet nicht statt.

Um zu verstehen, was das bedeutet, stelle man sich Folgendes vor:

Er, der heute irgendwas, weil er morgen irgendwas andres, Dialektik?

Fixierung, Wiederholung, Suggestion, Selbstgespräche, Rumbrüllen.

Das haut so nicht hin. Was nicht gedacht wird, ist abertausendmal fieser

als alles Gedachte. Es kommt immer zurück. Wie ein Berg zurückkehrt,

den er mit Schaufeln, Baggern und Brandy, mit 200 Dezibel-Sinfonien

von Haydn, mit sehr langen hervorgestoßenen Sätzen, mit Pressluft,

Kuhfuß und einer Heerschar von schweren Geräten abgetragen hat.

Dumpf ists, wo nicht stattfindendes Denken die Phänomene entwertet.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und flach sein. Und kommt zurück.

 

VIER: GEBIRGE

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Es kommt nicht zum Denken.

Um zu verstehen, was das bedeutet, stelle man sich Folgendes vor:

Das Arrangement „Gebirge“ besteht aus Bergen, haushohem Schmodder,

aus Scheiten, Doggen, Kippen, Kalkstein, aus Triolen, Horn oder Smog.

Wie einem Perückenbock das entstellte Geweih wächst dem Menschen

die Vorstellung über die Augen. Er wird erblinden. Er muss nichts denken.

Er kann aber nicht aufhörn. Er kann nicht. Kann nicht. Kann nicht. Nicht.

Er, der heute irgendwas, weil er morgen irgendwas andres, Dialektik?

Fixierung, Wiederholung, Suggestion, Selbstgespräche, Rumbrüllen.

Das haut so nicht hin. Was nicht gedacht wird, ist abertausendmal fieser

als alles Gedachte. Es kommt immer zurück. Wie ein Berg zurückkehrt,

den er mit Schaufeln, Baggern und Brandy, mit 200 Dezibel-Sinfonien

von Haydn, mit sehr langen hervorgestoßenen Sätzen, mit Pressluft,

Kuhfuß und einer Heerschar von schweren Geräten abgetragen hat.

Dumpf ists, wo nicht stattfindendes Denken die Phänomene entwertet.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und flach sein. Und kommt zurück.

 

FÜNF: DER BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Was soll ich denken? Nichts.

Du sollst nicht denken. Du kommst nicht durch. Es steht ein Berg davor.

Der Berg besteht aus vielen Bergen, einige bestehen aus Schmodder,

manche aus Kalkstein, andre aus Kippen, Triolen, aus Horn oder Smog.

Du kommst nicht durch. Sie wachsen dir, Perückenbock, über die Stirn,

in die Augen. Sie haben Verbindung. Du musst jetzt nichts denken.

Aber muss ich nicht denken, dass ich heute mich soll, weil ich morgen

mich kann? Nein, freu dich, du sollst und musst jetzt nichts denken.

Aber stell dir vor: Was du nicht denkst, ist abertausendmal schlimmer

als alles Gedachte. Es kommt immer zurück. Wie ein Berg zurückkehrt,

den ich mit Schaufeln, Baggern und Brandy, mit 200 Dezibel-Sinfonien

von Haydn, mit sehr langen hervorgestoßenen Sätzen, mit Pressluft,

Kuhfuß und einer Heerschar von schweren Geräten abgetragen habe.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und flach sein. Und kommt zurück.

 

SECHS: DAS SOLL

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Was soll ich denken? Ich muss

doch denken, dass.. Du sollst nichts denken. Muss ich nicht denken, dass –

ich mich jetzt soll, weil ich später mich kann? Es herrscht Unklarheit

bezüglich der Verben, ich weiß aber nicht, ob die, die sie zurückhalten,

wissen, welche es sind. Ob sie die Sprache können, in der sie sind.

Ob sie sie lesen oder sich merken, wie ein irres Bild. Freu dich, du sollst

und musst jetzt nichts denken. Aber stell dir vor: Was ich nicht denke,

ist tausendmal, zehntausendmal schlimmer als der Gedanke. Oh, furchtbar.

Furchtbar die Anstrengung, die alles hört, bevor sie es spricht. Was soll

ich denken? Die Anstrengung hat ihr eigenes Haus. Sie hat einen Berg.

Die Anstrengung trägt diesen Berg ab. Das ist ihr Grund. Sie trägt ihn ab.

Sie arbeitet an ihrem Verlöschen. Bald wird alles eben und flach sein.

Wirst du dann frei sein? Oder allein? In der größtmöglichen Unfreiheit

deiner eigenen Einsamkeit? Was wirst du denken, was wirst du sollen?

 

SIEBEN: DER BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Was soll ich denken? Nichts.

Du sollst nicht denken. Du kommst nicht durch. Es steht ein Berg davor.

Der Berg besteht aus vielen Bergen, einige bestehen aus Schmodder,

andere aus Altmetall, dann wieder andere aus Dreiklang, Zierrat, Kalk.

Du kommst nicht durch. Sie wachsen dir, Perückenbock, über die Stirn,

über die Augen. Sie haben Verbindung. Du musst jetzt nichts denken.

Aber muss ich nicht denken, dass ich mich heute soll, weil ich mich

morgen kann? Nein, freu dich, du sollst und musst jetzt nichts denken.

Aber stell dir vor: Was du nicht denkst, ist abertausendmal schlimmer

als alles Gedachte. Es kommt immer zurück. Wie ein Berg zurückkehrt,

den ich mit Schaufeln, Baggern und Brandy, mit 200 Dezibel-Sinfonien

von Haydn, mit sehr langen hervorgestoßenen Sätzen, mit Pressluft,

Kuhfuß und einer Heerschar von schweren Geräten abgetragen habe.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und flach sein. Und kommt zurück.

 

ACHT: BERG

Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle: Ein Denken findet nicht statt.

Autsch. Alles Ablenkung, Ablenkung und Gier. Das Fleisch will hinein.

In anderes Fleisch und dort wüten. Verwüstung und Lust wird gemeinhin

identisch beworben. Das lehnen wir höflich ab. Aber was sollen wir tun?

Das Arrangement „Gebirge“ bietet diverse Optionen, etwa aus Schmodder,

aus Scheiten, Doggen, Fotzen, Kalkstein, aus Triolen, Horn oder Smog.

Kein Mensch kommt da durch. Deswegen kostet das Ganze nur günstige

2.000 Euro. Sapperlot! Schmiers dir aufs Brot!! Wie dem Perückenbock

wächst dem Konsumenten die deformierte Vorstellung rein in die Stirn.

Er muss nichts denken. Er kann auch nichts sehen. Das ist nicht gut.

Doch kann er ebensowenig mit etwas aufhörn. Das wiederum gut! Alle,

alle mögen das, was sie haben, verwerfen und was Neues besorgen.

Für uns alle. Für das Wachstum, die Schwänze, das ausgefallene Denken.

Es geht endlich wieder voran und die angetraute Stute, an die Wand genagelt,

bedankt sich, danke danke danke endlich ist alles so wie in ihren Träumen

 

Und zuletzt: Das Gedicht BERG wie es Aufnahme in den Band HONIGPROTOKOLLE gefunden hat.

 

BERG

Anfangs irgendwas mit Wittgenstein: Sprache, Denken, Grenzen etc.

Aufgabe beinah übermenschlich, zu beschreiben mit der Sprache,

wenn das Denken ausfällt, ja, ihr lieben Protokolle, ihr eilt dem Hohn

nur nach, den ich für mich längst vorgesehen, voilà. Und überhaupt:

Ich stelle mir das vor als Berg. Beschreibung Berg. Drei Zeilen etwa.

Dann Ausweichmanöver. Protestantische Dialektik. Flüssig, scharf.

Wendig. Bösartig, aber aufgebohrt: HA HA. Oberton von Verzweiflung.

Dann Auftritt des Perückenbocks. Aah. Barmherzigkeit. Leichter Ekel.

Dann Finte: kurzfristige Absolution, Hauch von Entspannung, aber nur,

um böse einzuhaken in die Fixierung, sobald die Spannung nachlässt

wie mit dem Karabinerhaken, klack. Jetzt: Begrüßung und Abtragen

des Bergs, mit Schaufeln, Baggern und Brandy, 200 Dezibel-Sinfonien

von Haydn, mit sehr langen hervorgestoßenen Sätzen, mit Pressluft,

mit Kuhfuß, Sprengstoff und einer Heerschar von schweren Geräten.

Der Berg sagt: Bald wird alles eben und klar sein. Und wieder von vorn.

Poesie und Begriff – poetische und begriffliche Sprache: Im Gespräch mit Anke Hennig am 19. Mai 2012 in den Räumen des Merve-Verlags (in der Reihe: Poesie und Begriff – zur spekulativen Poetik)[3] kamen wir auf die strukturschaffende Figur der Verzögerung durch eine einstweilen gültige begriffliche Fügung zu sprechen. Was wäre also ein Begriff? Eine Rast, für einen Moment das Ende der Eile – bevor das unablässig aus- und umdeutende Geschehen der skeptischen Vorstellungskraft, der Widerstand von unbewussten Szenerien, die verstandesgemäße Korrektur, die affektuelle Intervention aufgrund von Erfüllung oder Enttäuschung, das Eindringen des noch Formlosen, die Ablenkung von außen, die Erfahrung, die anderen Menschen und so weiter und so fort .. .. .. .. .. erneut verändernd eingreifen und diese Fügung durch andere sprachliche Beispiele (der Gegenwartslage) ablösen.

Merke: Das Gegenteil eines Begriffs ist ja nicht die Poesie. Ebensowenig wie das Gegenteil von Poesie der Begriff ist. Die Poesie müsste, so wollten dies die Romantiker, in der Lage sein, den Begriff und den Un-Begriff aufs Beste miteinander zu verbinden: Zu einer Wortkunst mit universalierbarem Erkenntnisanspruch. Wie sich beispielsweise auch Sebastian Kiefer in seinem Buch „Was kann Literatur“ gegen die Annahme wendet, Dichtung sei philosophisch ergänzungsbedürftig und fungiere als untergeordnete Belegstelle für das Denken.[4] Doch woraus setzt sich das Denken zusammen? Müssen wir mehr über das Gehirn erfahren, um diese Frage zu beantworten? Wie es derzeit im Rahmen des Exzellenzclusters „Languages of Emotion“ mit dem neu einzurichtenden MPI in Frankfurt am Main unter der Leitung von Professor Menninghaus in Angriff genommen wird. Oder wäre es, wie Pastior auf dem Podium zu „Poesie und Wissen: Literarische Neugier und die Wissenschaften“, das im Mai 2004 im Literaturhaus Berlin stattfand, mit der Erforschung des Gedichtes als einem Produkt des menschlichen Gehirns getan? Die Sestina, sagte Oskar Pastior damals, könne dem Hirnforscher der Zukunft quasi archäologisch das Denken des Menschen lehren, die Kombinatorik und Akrobatik einer eingefleischten Logik. Ich glaube nicht, dass die Zukunft der Literatur gehirntomographisch in der so genannten Hölderlin-Röhre zu lesen ist. Zudem: Letztlich bleibt man auch hier auf die Deutung verwiesen. Also gilt es die Deutung zu verfeinern – ebenso wie die davorgelagerte künstlerische Zeitdeutung, die die Literatur ist.

Zurück zu Poesie und Begriff: Der „Begriff“ hat nach wie vor ein hohes Ansehen. Wahrscheinlich ist der Begriff des Begriffs einer der letzten Begriffe der mit solcher Emphase über Ansehen und Eindruck verfügt. Ah, ein Begriff vom BEGREIFEN. Hier gibt es einen zupackenden Reflex (wie am Abgrund), der das Verstehenspathos längst hinter sich gelassen hat. Verstehenspathos ist kaputtbesänftigt worden, ja, eigenartigerweise. Verstehen gibt es als dramatisches Geschehen eigentlich nicht mehr, obwohl das Nicht-Verstehen nach wie vor in jeder Hinsicht ein furchtbares Drama zu sein scheint.[5] Es stellen viele auch kluge Leute angesichts von Gedichten das Denken ein, was eine unnötige und für beide Seiten bedauerliche Situation ist.[6] So dass man sich ohne jede Polemik fragen muss: Wer hat ihn, wer hat sie denn so zugerichtet? Das Gedicht selbst kann es nicht gewesen sein. Niemand kann auf Deutung verzichten und eine gute Deutung ist mehr als das Tilgen der Irritation aus einem Verhältnis, das sich nicht unmittelbar enthüllt und in Teilen (Häppchen) mit hoher Verträglichkeit zum sofortigen Genuss anbietet. Das müsste uns aus dem Liebesleben doch eigentlich bekannt sein.

Was ist schon ein einfacher Genuss? Konsum! Lorenz Wilkens hat es einmal sehr schön formuliert, ich zitiere aus dem Gedächtnis: „Zu jeder Lust gehört die Angst, deren Überwindung zu ihr führte“. Auch dies bewegt sich in einer zeitlichen Abfolge, einem Davor und einem Danach. Und darum soll es mir gehen, nicht zuletzt im Sinne der PostPoetry.

Laura Riding schrieb 1926 im Vorwort ihres Bandes POEMS (A Joking Word): „Damit etwas, das sein muss, auch sein kann, muss ihm etwas vorausgehen, das nicht sein muss. Diese Gedichte mussten sein. Oder anders: Wenn sie nicht wären, dann müsste es sie geben. Oder noch anders: Ich musste nicht mich fühlen und denken Gericht, sondere ich dachte mich und fühlte Gerichtetheit. Das heißt, wenn etwas sein muss, dann muss ihm auch etwas vorausgegangen sein. (..)“[7]

Zurück zur sich selbst quasi immer wieder ein und ausladenden Containerlandschaft von Un-Begriff und Begriff. (Ich sage Un-Begriff, weil mir derzeit kein besserer Gegenpart einfällt, einleuchtend erscheint. Das Bild kann es ja auch nicht sein.) Import-Export ohne Ende. Wir sahen: Poesie ist nicht das Gegenteil des Begriffs.[8] Nehmen wir an, eine gute begriffliche Fügung sei nichts anderes als ein privilegiertes, sehr deutliches Beispiel.[9] Ich stelle mir eine sowohl begriffliche, wie auch poetische Sache vor, die so anschaulich und klug ist, dass sie zu ihrem eigenen Beispiel wird. Das ideale Beispiel, das stabile Beispiel, das Beispiel, das auf sein Obsolet werden noch ein wenig warten darf. Das Beispiel, das immer auch für etwas steht, was über es selbst hinaus geht. Das Beispiel, das auf die Funktionsweise von Repräsentationen hinweist. Das Beispiel, das sowohl allgemein wie auch besonders ist. Das Beispiel, das sich selbst von seinem Obsolet werden erholen könnte, nach einiger Zeit. Oder so: „Das Subjekt in der Ethik ist kein Subjekt, das in seiner gegebenen Situation sein subjektives „Gepäck“ mitbringt und damit die Situation beeinflusst. Das Subjekt ist im Gegenteil etwas, das aus dieser Situation (oder der Handlung) hervorgeht und nicht schon vorher existiert. Das (sittliche) Subjekt ist der Punkt, an dem das Allgemeine zu sich kommt und seine Bestimmung erreicht.“[10] (Für Subjekt könnte man an dieser Stelle in meinem Sinn auch: das Beispiel einsetzen. Ich denke, das wird klar.)

Doch ist nicht die Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung wie andere stramme Fortschrittsfiguren inzwischen etwas fragwürdig? Immer noch besser als Niedergangshörigkeit, Kulturpessimismus und nostalgische Privilegierung des Gestern, höre ich mich sagen. Hm. Sich fragen, was das Neue ist. Sich fragen, ob es nötig ist. Sich fragen, was in diesem Zusammenhang der Fortschritt ist. Etwa wie man zuweilen von „avancierten Schreibhaltungen“ spricht und eine ungefähre Vorstellung von etwas Gutem damit verbindet. In Zukunft etwas genauer, bitte. Ha, hier schon wieder, der erwartungsvolle Blick ins Künftige. Ha.

Als Begriff bestimmten wir einstweilen (als seine rudimentärste, quasi tiefste Funktion): das Geschenk einer Rast. Also begabten wir ihn mit festungsähnlicher Stabilität. Oder dachten ihn als Hügel, Hügelchen. Draufsicht. Übersicht. Aber nicht jede Rast braucht einen Befestigigungswall, einen Aussichtspunkt etc. Hieran sieht man: Begriffliche Vorstellungen bestehen auch als (und in) Bildern. Bilder – sie eilen von überall hinzu. Ebenso wie Begriffe. Sie lösen einander ab. Oder besser: Sie dienen einander wechselseitig als Filter.[11] Sie verzögern die Wahrnehmung, insofern als sie immer wieder gemeinsam eingreifen. Man betrachte hierzu die Deutsch-Deutsche Übersetzungswerkstatt, Elke Erb und Raphael Urweider übersetzten einander. Man achte insbesondere auf das Verzögern des begrifflichen Einhakens, auf das sich Elke Erb versteht wie keine andere.[12]

Ich erinnere an Lorenz Wilkens Aufsatz zum Bilderverbot, in dem er (ich vereinfache grob) die These aufstellt, das Bilderverbot (du sollst dir kein Bildnis machen), richte sich gegen das Stillstellen des Bildes, welches das plötzliche Umschlagen des Gedankens verhindere.[13] Das Denken kann ständig umschlagen – das Bild kann es nicht. Müsste man dann nicht poetische Bilder herstellen, die dazu in der Lage wären? Bilder, die wie durchwurzelt von Wandelbarkeit als Trickster dem Einhaken der Erkenntnisvermögen entgehen – ohne ungerührt darüber weg zu segeln? Allein die Veränderung dürfte als unmittelbar gefeiert werden, alles andere aber müsste unbedingt mit aller Sorgfalt vermittelt (das bedeutet auch: entfremdet) werden. Was würde man dann lesen? In jedem Fall hätte man es mit einer Distanzendialektik zu tun, die Nähe in der Ferne, die Ferne in der Nähe.

Vielleicht müsste man so etwas sagen: PostPoetry weiß, dass beim vorherrschenden Immediatismus nichts mehr zu holen ist.[14] Denn der Immediatismus ist keine Augenblickskunde mehr, sondern meint inzwischen immerwährende Verfügbarkeit, ständige Ansprechbarkeit, Auslöschung der Lücke. Wir (ich und das Gedicht) wollen aber nicht mehr ständig ansprechbar sein. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es sich bei der ständigen virtuellen Ansprechbarkeit durch Geräte um Zeitmissbrauch handelt (misuse of time).[15] PostPoetry ist auch nicht unbedingt intermedial, stelle ich mir vor. Ebenso wenig ist sie zwangsweise multimedial, rappel rappel blink blink. Sie ist durchaus skeptisch, was poetische (oder pötische) Eventhuberei angeht. Die kommt mit nichts als dem Buch. Vielleicht auch nur mit ein paar Blättern, einem einzigen Blatt, oder gar: Auswändig daher. Sie verachtet vor allem das artistische Anstrahlen von historisch gültigen Fassaden in grünem, blauen und roten Licht – und immer wieder im Wechsel ist ihre Verachtung zu spüren. Daher kann sie leider auch die augenblickshafte Ausdeuterei von früher nicht mehr mitmachen. Das Plötzliche mögen die andern haben. Sie wagt den Entzug.

Sie wagt den Entzug. Sie propagiert ihn, statt ihn zu erleiden. Ha. Nun also doch. Genau. So ist es. Nein, ich spreche nicht vom tyrannischen Stolz der Schmerzpatientin, wie Franzobel unlängst im Feuilleton der SZ behauptete. Ich spreche schlicht von einem anderen Timing – das sich eben auch in seiner Wahrnehmung realisiert. Weil das Gedicht kein Geld hat, hat es Zeit. Allerdings möchte ich die immense Brutalität der Idealisierung des Marginalen nicht übergehen. Idealisierung trägt hier gar Züge einer dämonischen Verkörperung, ja, schlimmer noch, eines Körperraubs. Wir sollten genauso damit aufhören, das Gedicht in masochistischer (oder sadistischer) Weise zu idealisieren oder zu entwerten. Mehr Realismus bitte, aber mit dem ganzen Irrsinn, den unsere Realität derzeit zu bieten hat. Alles andere wäre Betrug. Oder schlechte Prosa. Was nahezu identisch wäre mit Betrug.

PostPoetry wagt Aussagen wie: Ich habe ein vorsprachliches Gefühl. Sie, die PostPoetry weiß nämlich, dass auch das Vorsprachliche von der Sprache mit hervorgebracht wird und daher an dieser Stelle keine dichotomen Dramatisierungen mehr notwendig sind.[16] PostPoetry googelt keine diffusen Symptome. Oder tut dies immerzu? Nur zuweilen? Versucht, genau dies zu vermeiden? Hier bitte ich um weitere Einschätzungen von innen oder von außen. Ich weiß es wirklich nicht. Wir hatten doch früher keine Maschine, in die wir „Kiefer Schläfen Schmerzen“ eingeben konnten, und die sogleich Trigeminus-Neuralgie mit all ihren Symptomen ausspuckte? Das führt doch zu einem ganz anderen Umgang mit der nicht ganz zu Ende bestimmten Gemengelage des halb körperlichen, halb geistigen Unwohlseins, wie es der britische Psychoanalytiker Stephen Frosh in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Feelings“ in dem Kapitel: „Feeling Funny, Feeling Peculiar“ darstellt. „Perhaps it is a mild form of the classic experience of being haunted, in that the sensation is of being occupied by some force that is not really part of the self, yet is controlling us (the ‚dybbuk‘ who takes over the personality) or at least interfering mischievously or destructively. Or maybe the fault lies elsewhere, with the belief that somehow we should be at ease with ourselves, not displaced from our own centre, when the reality of human subjectivity is that there is always a ‚foreigner within“ who is engaged productively as well as discomfortingly, in disturbing our peace.“[17]

Zudem entstehen mithilfe der Suchmaschinen und der programmlichen Strukturen der Anwendungen, die wir (und die umgekehrt genauso auch uns) täglich anwenden neue Oppositionen. Hier geht es um Vorhaltezeiten, Lösch-Robots, unendliche halbkaputte Online-Archive, Entkörperung, Blauschaltungen, die Bilderflut, die Zugänglichkeit von beinah allem und jeder Obsession, die Tatsache, dass man unterscheiden muss zwischen einer Liste, die ein Suchergebnis darstellt, in die ich nichts hineinziehen kann, sondern nur hinaus, und der Liste, die die Listenansicht abbildet, in die ich etwas hinausziehen, aber auch, und das ist wichtig, hineinziehen oder dort sogar neu anlegen kann. Das sind grundlegende Oppositionen, die bisher nicht wichtig waren und die vermutlich weitere hervorbringen werden, deren Wichtigkeitslogik wir uns heute noch nicht vorstellen können. Und die das Denken verändern werden.

Wir (das Gattungswir ist hier durchaus bewusst adressiert) benötigen womöglich schon bald ein verdinglichtes, tragbares, vom Persönlichen irgendwie entlastetes Subjekt – und auf der anderen Seite ein animistisches Verhältnis zu den Dingen.[18] Wir finden sie im Abgrund des Albernen vor. Dinge, Atome, Zellen, Gedichte mit Handlungsvermögen. Wir finden sie im Abgrund des Albernen vor. Wir adressieren die Gegenwart des Raumes mithilfe unseres Atems. Wir oszillieren und unsere Kammern flimmern. Unsere Organe lungern.

Hiermit kommen wir zur Performance und fragen: Was ist deren Substanz? Substanzabwehr könnte eine Antwort sein. Performance, klarifiziert die Wolke, ist die Stelle wo Routine und ihre Abwehr aufeinander treffen, damit etwas entsteht. Etwas entsteht. Wolken übrigens ekeln sich total vorm Entstehen. Sagt eine Maus zur anderen: Du, wir haben das hier alles aus unseren Affekten gebaut. Aha. Emotionsförmiges Erdgeschoss unserer Montage. Gefahrenöffnung. Heiliggeistloch. Wolkenbrunnen. Geheimer Flur ins Wunder. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Sondern um etwas, das nicht langweilig ist und nur in Grenzen bedrohlich, also nicht ausschließlich zerstörerisch. Eine gute Performance zum Beispiel. Etwas, das nicht sklavische Aufmerksamkeit fordert, sondern befedert ist mit einer leicht abwesenden Haltung, die der Psycho-Analytiker W. R. Bion als RÊVERIE bezeichnet. Stellen Sie sich bitte selber etwas vor. Oder schlagen Sie’s halt nach.


[2] Die Zuspitzung besteht vielleicht darin: Alle sagen, die seien fiktional, aber darunter hat sich eine neue Zwangslage synthetisiert. Gerade weil sie fiktional sind, sind sie unlebensweltliche Ideale, die auf Erfüllung dringen. Ein Naturalismus zweiter Ordnung – echt krass. Darauf muss die Sprache nicht nur ästhetisch, sondern auch sozialwissenschaftlich reagieren. Oder, Ästhetik in in dieser Hinsicht, als Sozialwissenschaft verstehen.

[3] Siehe auch die Internet-Präsenz: SPEKULATIVE POETIK, langfristig ist auch eine Publikation geplant. http://www.spekulative-poetik.de/

[4] Sebastian Kiefer: Was kann Literatur? Graz, Wien 2006. Auch interessant hierzu: Franz Josef Czernin: Dichtung als Erkenntnis. Zur Poesie und Poetik Paul Wührs. Graz, Wien 1999

[5] Siehe hierzu auch Bertram Reineckes Überlegungen, was eigentlich kritisiert wird in dem Satz: „Verstehen ist immer auch Missverstehen“. Das Missverstehen oder das Verstehen? http://lyrikzeitung.com/2012/05/18/50-verstehen-eine-schlechte-praxis/

[6] Beispielhaft sei das jüngst erschienene Buch GEISTERSPRACHE. Zweck und Mittel der Lyrik von Heinz Schlaffer genannt.

[7] Ich bemerke gerade, dass ich dazu tendiere, das gesamte Riding’sche Vorwort abzutippen. Ich möchte es daher als, wie sagt man noch, COMPULSIVE READING zum Thema PostPoetry empfehlen. Zu finden in: PARARIDING. Übersetzt, umgeschrieben, mit kurzen Essays versehen und herausgegeben von Christian Filips und Monika Rinck. Erschienen als Roughbook 015 im Jahr 2011.

[8] Ich erinnere an Albert Oehlens Begriff des „Postungegenständlichen“. Man stelle sich solche Vorwürfe vor: Deine Art zu produzieren ist der reine Konsum. Deine Form des Konsums ist sehr produktiv. Kann man das einweichen? Was ist das? Wenn Poetry eben genau das wäre, oder bis zum heutigen Tag gewesen sein würde, was sich dem Markt widersetzte? Was wäre dann die Ablösung davon?

[9] Hierzu auch die schönen Passage ZUM BEISPIEL die in Barbara Köhlers neuem Essayband zu finden sind: Neufundland. Wien 2012. Seite 2012. „Ein gutes beispiel aber ist, und das kann man nicht oft genug sagen, ein spiel mit regeln, ist ein spiel mit regeln, ein spiel mit regeln.

[10] Alenka Zupancic: Das Reale einer Illusion. Aus dem Französischen von Reiner Ansén. Frankfurt am Main 2001, Seite 59.

[11] Ich möchte kurz eine Denkfigur (ein Bild gegen das Bild) ins Spiel bringen: Der Filter. Der willkürliche oder temporale oder größenverstellende oder mehrsinnige oder verzerrende Filter – der andere Wahrnehmungsentscheidungen trifft als die Wahrnehmung selbst. Nennen wir ihn den bewusstseinserweiternden Filter. Diesen Filter möchte ich als Denkfigur des Gedichtes fassen und gegen die üblichen Speichermedien in Stellung bringen. Ein Gedicht sorgt für eine andere Aktualiserung als das Betrachten eines Bildes. Eine andere Form der Vermittlung. Die Frage: „Was filtert dieser Filter hinein und was hinaus?“ hätte durchaus ihre Gültigkeit – und wäre der Realität vorzulegen. Das eben ist Deutung.

[12] Die Deutsch-Deutsche Übersetzungswerkstatt. Roughbook #007. Oktober 2010. Beteiligt waren: Urs Allemann, Christoph W. Bauer, Oswald Egger, Elke Erb, Barbara Hundegger, Sabine Naef, Ulf Stolterfoht, Christian Uetz, Raphael Urweider, Anja Utler, Jan Wagner, Peter Waterhouse.

[13] „Die Zerstörung ist ein Angriff auf das Denken; ihr haftet die Drohung an, dass das Bewusstsein zusammenbricht, die Gedanken ihren Halt verlieren und von der Angst auseinander getrieben werden. Doch der Prophet seiht darin nicht ein Zeichen der Abwesenheit Gottes, sondern seiner Nähe. Denn Gott – das ist die Chaosmacht, die umkehrt und zur Macht des Bestehens wird – Macht des Bundes. Diese Umkehr, diese Verwandlung lässt sich nicht in einem Bild darstellen; das ist der Grund des Bilderverbotes.“ Und etwas später im gleichen Essay fragt Lorenz nach der intellektuellen Kraft der Kultbilder: „Ihr (der Propheten, MR) Gedanke mag gewesen sein: Ein hässliches Gottesbild fixiert den Schrecken, ein schönes die Libido; bei machen vom Kern der Wirklichkeit, vom Kern des Gedankens abspenstig: der Erfahrung in Liebe und Halt verwandelter Angst.“ Lorenz Wilkens: Das Bilderverbot, in Hermeneutik nach dem Existenzialismus. Frankfurt Main 2007. Seite 68 und Seite 71.

[14] Das absolute Ideal der Gegenwärtigkeit, an dem sich, wie manche Leute meinen, alle Literatur zu messen hat, ist übrigens nicht der Film, nicht einmal der 3-D-Pornofilm, sondern der Autounfall. Der unvorhergesehene Autounfall, nach dem nichts mehr so ist, wie es war. Nein, das kann, also das kann, das kann die Literatur nicht. Zum Glück! Zum Glück, möchte man den Ideologen des Immediatismus zurufen. Die Literatur könnte aber eine Person dazu bringen, die Beziehung zu einem prügelnden Partner abzubrechen. Mut als ästhetisches Phänomen. Ich zitiere Tillich: Ich zitiere morgen Tillich. Ich hab das Buch jetzt nicht da.

[15] Ausdrücklich davon ausnehmen möchte ich die mütterliche (oder väterliche) absolute Rezeptivität, die Ansprechbarkeit der Fürsorgenden für den Säugling, der andernfalls dem Tod geweiht wäre. Winnicott hat recht, wenn er darauf hinweist, dass es den Menschen bei der Geburt als Einzelwesen überhaupt nicht gibt: „There is no Baby“, lautet seine eindringliche Formel. Es gibt das Baby nur als Dyade. „Der Mensch wird einsam geboren“, mag ja sein, aber einsam hätte er eine Lebenserwartung von etwa einem Tag. Aus dieser Frühzeit stammt die sehr genaue Vorstellung, die sich jeder Mensch unbewusst oder bewusst, von der Sklaverei machen kann – das absolute Ausgeliefertsein an den Anderen.

[16] Weil Anke Hennig, eine kluge Linguistin zitierend, an deren Namen ich mich leider nicht erinnern kann, es nochmals sehr klar dargetellt hat.

[17] Steven Frosh: Feelings. London und New York 2011. Seite 28. Und das Ende des Kapitels möchte ich noch zitieren: „Just once in a while, something new might catch the corner of our eye, and remind us that a good deal of what goes on apparently ‚inside‘ us is actually not under control, but pressing for expression; that it is not uniquely ours, but has links with others and perhaps even comes from them originally; and that finding a way to tap into ths might feel like a little death, but actually bring us back into something slightly different, perhaps even creatively so. Feeling out of sorts could be the beginning of something new, and perhaps we should not be in too much of a hurry to put ourselves back in order again.“ Seite 36.

[18] Ich empfehle hier den soeben im Diaphanes Verlag erschienenen Reader: ANIMISMUS. Revisionen der Moderne. Herausgegeben von Irene Albers und Anselm Franke. Zürich 2012.

Sowie: Animismus. Volume 1. Ed. by Anselm Franke. Bern, Sternberg Press 2010.

Monika Rinck auf Lost in Postpoetry, auch hier.

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