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Sylvia Geist, GER: Tapetenwechsel. Eine Anagrammatik

Tapetenwechsel. Eine Anagrammatik

 

„(…)

Nomadentum bedeutet zunächst eine gewisse Ausgangslage, eine Ungesichertheit, die umgekehrt der nicht unbedingt auf eigenem Erleben beruhenden Einsicht entspricht, dass Häuser und Zelte alles gemein haben außer ihre Gewichte.

Diese Perspektive wird erlernt wie eine Sprache, in der jedes Wort die anderen Klänge, die weiteren Bedeutungen in sich trägt, wie in dieser hier, in der der Nomade leicht zur Monade werden kann (könnte heißen: zur Utopie. „Monaden haben keine Fenster“, mag man sich erinnern und fragen, ob das nun vorteilhaft wäre oder eher neuen Befürchtungen Raum gäbe), wie man also Sprachen lernen kann, in denen man nicht wurzelt, aber Luftwurzeln zu schlagen sucht in die Richtungen, in welche es das „Dach übern Kopf hinwegtragen“ wird, einen Ziegel nach dem anderen, bis es Scherben regnet, Bruchstücke, so dass man sie wiederfinden, einsammeln, säubern, sortieren und zusammensetzen muss für ein geflicktes, fragiles, wiederum vorläufiges Dach, ach was, für einen boDen, einen weg, eine tür, ein ragen, einen Kahn, ein ich, für ein Lachen fehlt was, aber wenigstens bliebe in diesem Fall ein pf, also ohne ich, dafür besser ein pferd, das einen tragen könnte, nur nicht über den boDen und ohne weg, dafür womöglich über den See (immerhin wäre da noch der Kahn), oder es ginge durch einen bogen, aber ohne tür, doch angefeuert mit einem hü und so fort, in einer Anagrammatik, die ein Rebus ums andere legt und das dann manchmal aussehen ließe wie eine Wendung, von der, wie man es auch dreht und wendet, ein Rest bleibt.“

Eigene Kurzprosa, verstreute Notizen sowie Fundstücke auf losen Zetteln zum Tapetenwechsel(n), bildeten das Ausgangsmaterial dieses Projekts. Die Beweglichkeit des Subjekts und die Veränderlichkeit der Gegenstände spiegelte sich im Verfahren, die Materialsammlung Zeile für Zeile in „Bahnen“ zu schneiden und die so aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen gelösten Satzteile und Wortgruppen zu Gedichten zu montieren, die mit der gleichnamigen Collagenreihe korrespondieren.

Ab Pfingsten ist der Tapetenwechsel für einen Monat auf dem Artemishof, Succower Str. 28 in 17268 Flieth zu Gast. Die Ausstellung wird am 26. Mai um 15:30 Uhr mit einer Lesung eröffnet. Im Anschluss: Tango auf finnisch.

Sylvia Geist, geb. 1963 in Berlin, Studium der Chemie, Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der TU Berlin. Zuletzt erschienen der Gedichtband „Vor dem Wetter“ (Luftschacht, 2009), der Erzählband „Letzte Freunde“ (Luftschacht, 2011) sowie Übersetzungen, u.a. in: Peter Gizzi: „Totsein ist gut in Amerika“ (luxbooks, 2012). Ihre Arbeit wurde u.a. mit dem Lyrikpreis Meran (2002), der Adolf-Mejstrik-Ehrengabe der Deutschen Schiller-Stiftung (2008) sowie mit einem Aufenthaltsstipendium der Sylt-Quelle (2010) ausgezeichnet. Sylvia Geist lebt in Hannover und Vancouver.

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Über LOST in POSTpOETRY

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